Spiegelsimulakren

Das Simulakrum ist dem skopischen Treiben seit Lukrez verbunden, als er im ersten vorchristlichen Jahrhundert von feinsten Häutchen redete, die sich von den Dingen ablösten und deren Formen sich dem Augenhintergrund der Betrachter einprägten. Diese Häutchen nannte er Simulakren, weil sie den Dingen ähnlich („simul“) seien.

Die Arbeit an den Spiegelsimulakren kommt rund zwei Jahrtausende danach wie ein Echo eines Metaphernwechsels im vergangenen Jahrhundert daher.

Das Vokabular der metaphorischen Welterklärungen scheint sich aus dem Begriffsapparat des jeweiligen technologischen Entwicklungsstandes zu speisen.

So begleitet das von der Dampfmaschine inspirierte Persönlichkeitsmodell Freuds die Diskurse der Moderne, bis die Konjunktur der Rechenmaschinen neue Konstrukte nahegelegt hat. Das Lacan’sche Persönlichkeitsmodell – in seiner archaischen Dreigliedrigkeit wohl noch an Freud orientiert – entbehrt des martialischen Getöses aus den Maschinenparks im Gefolge des 19. Jahrhunderts.

Die Grenzen der Welt sind nun nicht mehr an die Frage ihrer Erreichbarkeit über das technische Vehikel gebunden, sondern an den Verkehr der Wörter. Wenn die Grenzen der Welt mit jenen der Sprache zusammenfallen, wie es uns Wittgenstein nahegelegt hat, dann dämmert ein Manichäismus aus den Polaritäten von Signifikat und Signifikant. Der Phaeton des zwanzigsten Jahrhunderts spannt diese beiden nebst den Antagonisten des binären Codes vor seinen Erkenntniswagen und kommt damit in die entlegensten Bereiche seiner Welt. Auch in die menschlichen Seelen, die nunmehr den Gesetzen der formalisierbaren Sprache unterliegen. Auch das Unbewußte hat seine Grammatik. Möge dem (post)modernen Phaeton und uns ein Sturz wie jener des antiken Helden erspart bleiben.

Johann Berger, Wien 2007

Publikation: 

Selektion

Johann Berger

E: johann.berger@chello.at
T: 0043-676-4160-620