Galerie Gut Gasteil

Ausstellungseröffnung

„We just go on and on and on“

Johann Berger, 2012

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

„We just go on and on and on“. Das ist der Satz, den Charlotte und Johannes Seidl ihrer Ausstellungsreihe vorangestellt haben. Wir sind in dieser Folge von Ausstellungen mit einem Voranschreiten konfrontiert. Jeder Schritt führt in eine unverwechselbare Konfrontation künstlerischer Positionen. Jede Ausstellung lädt zur Begegnung mit zwei unterschiedlichen Oeuvres ein. Wir begegnen so einer Vielzahl von Formensprachen und künstlerischen Techniken. Dieses Voranschreiten konfrontiert uns aber auch mit einem Kontinuum, denn in vielen der hier gezeigten Arbeiten begegnet uns Geheimnisvolles. Heute in den Arbeiten von Monika Kircher und den Schichtarbeitern Bernard Antl und Markus Schmidel.

Besonders deutlich wird das, wenn wir in der Malerei und den Zeichnungen Monika Kirchers Schriftzeichen vorfinden, die unentzifferbar bleiben. Symbole, Bildzeichen, Gegenständliches und Abstraktes, augenscheinlich in einem erzählenden Zusammenhang – aber es erschließt sich nicht. Wir ahnen hinter den Zeichen und Bildelementen Bedeutung und sind auf dieses ahnungsvolle Empfinden verwiesen, wenn wir möglichen Deutungen nachspüren. Es mag uns dabei wie dem Ethnographen gehen, der eine fremde Kultur mit ihren Zeichensystemen und Bildsprachen zu erschließen hat. Wie dem Archäologen, der mit den Artefakten vergangener Kulturen zu tun hat. Nicht zuletzt aber erinnert das ahnungsvolle Empfinden an eine Erfahrungsdimension aus der Kindheit. Damals sind all die Ordnungen, die wir als Welt wahrzunehmen gelernt haben, unvertraut und fremd gewesen. Nichts war sozusagen lesbar und gefügt in eine Ordnung der Dinge. Alles musste erspürt, erfühlt, erahnt werden. Dann ist es begriffen und erklärt worden und hat seinen Platz in den Archiven der Alltäglichkeit zugewiesen bekommen. Doch manches blieb und bleibt unerklärlich, geheimnisvoll. Zuweilen ist es das Naheliegende, scheinbar Selbstverständliche, das unerklärbar, unentzifferbar bleibt. Verena Kienast hat im Pressetext zu dieser Ausstellung dafür den Begriff der Traumlogik gewählt. Der Traum hat seine eigene Folgerichtigkeit. Ihr nachzugehen war für Freud 1899 der „Königsweg“, um die „dunklen Kontinente“ der Seele aufzusuchen. Die Künstler des Surrealismus folgten ihm auf diesem Weg und entwickelten künstlerische Techniken, die Monika Kircher vertraut sind. Das „Automatische Schreiben“ zählt dazu, dem das freie, unzensierte Assoziieren zugrunde liegt. „Ich versuche ,Gesehenes‘ (in mir und um mich), ,Erfühltes‘ direkt und unreflektiert zu Papier bzw. auf die Leinwand zu bringen,“ schreibt sie auf ihrer Homepage. Die studierte Philosophin und Absolventin der Kunsthochschulen in Wien verfolgt mit ihrer Arbeit ein anspruchsvolles Vorhaben. Es geht um die Frage, ob und wie die künstlerische Praxis mit den Anstrengungen zeitgenössischen Denkens eine fruchtbare Allianz einzugehen vermag; ob und wie die sinnliche Tätigkeit künstlerischer Arbeit in einer dialektischen Beziehung zur Theorie lebbar wird. Ein reiches Oeuvre, aus dem hier auf Gut Gasteil aktuelle Arbeiten zu sehen sind, dokumentieren dieses Abenteuer.

Aus dem Jahr 2012 beispielsweise sind Arbeiten aus einer Serie ausgestellt, die Monika Kircher unter dem Titel Welten versammelt. Wie könnte es anders sein, es sind rätselhafte Welten, die mit ihren Zeichen und Gestalten entfernt an frühe Landkarten erinnern. Sie lassen uns vermuten, dass Monika Kircher an einer speziellen Ontologie arbeitet, in der die Versuchsanordnungen in der Kunst den Anstrengungen der Vernunft voranzugehen haben.

„We just go on and on and on“

„Wir wandeln alle in Geheimnissen“, sagt Goethe, „Wir sind von einer Atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr regt, und wie es mit unserm Geiste in Verbindung steht.“ Da mag man ihm wohl Recht geben. Was ihm und seinen Zeitgenossen als im besten Sinn des Wortes fragwürdig erschienen sein mochte, konnten die Naturwissenschaften nur zum Teil beantworten. Was die Welt im Innersten zusammenhält, ist geheimnisvoll geblieben. Eine Vielfalt an Antworten, kommt uns heute zwar aus den analogen und digitalen Enzyklopädien entgegen. Sie können aber dem Blick auf die Welt nicht jenen Zauber nehmen, der aus dem Staunen erwächst.

Nun wird noch ein Kontinuum deutlich, das die Ausstellungen auf Gut Gasteil begleitet: Zum Geheimnis hat sich der staunende Blick auf die Welt gesellt. Deshalb ist hier ein besonderer Ort. Wir sind eingeladen, und sei es nur für einige Momente, der selbstvergessenen Betriebsamkeit unserer Alltagsverpflichtungen zu entfliehen. Staunen heißt zuerst innehalten. Das ist Luxus. Aber es hilft.

Davon könnten die Schichtarbeiter Bernard Antl und Markus Schmidel erzählen. Sie tun das schon mit ihrem Namen. Mit einem augenzwinkernden Gestus haben sie diesen Namen als vieldeutige Bezeichnung für ihre künstlerische Arbeitsbeziehung gewählt. „Schichtarbeiter“ verweist zunächst in die Welt der Industrie, wo die Produktionsmaschinen rund um die Uhr zu laufen haben. Der zugrunde liegende Begriff der Schicht als Zeitraum führt jedoch weiter in die Geschichte zurück, zu den Bergleuten in den Niederlanden des dreizehnten Jahrhunderts. Sie hatten schon Jahrhunderte vor der Industrialisierung ihre Leistung in Schichten zu erbringen. Und das gleich im Doppelsinn des Wortes. Ein und derselbe Begriff bezeichnet die Zeiteinteilung und den Ort der montanen Anstrengung, die geologische Schicht.

Natürlich spielen die beiden auf ihren Arbeitsplatz an, auf die Bühnenwerkstätten des Theaters in der Josefstadt. Dort entstehen in intensiver Zusammenarbeit mit Regie und Bühnenbildnern die Kulissen für die Aufführungen des prominenten Hauses. Dort sind die beiden mit all jenen künstlerischen Materialien und Techniken zugang, wie sie für die notwendigerweise riesigen Formate gebraucht werden. Dort haben die beiden den Schritt über den Rahmen ihrer professionellen Arbeit für die Bühne hinaus gewagt. Vor etwa vier Jahren hat ihre Zusammenarbeit in der freischaffende Kunst begonnen. Bernard Antl und Markus Schmidel können zwar auf künstlerische Biographien als Einzelpersonen verweisen. Als Schichtarbeiter reden sie aber nicht gerne davon und führen die Gespräche dazu charmant aber konsequent auf die Begeisterungspotenziale in ihrer Zusammenarbeit – und in den Materialien, mit denen sie arbeiten. Manche davon tragen eine tief in die Zeit zurückreichende Geschichte. Zum Beispiel der Hasenleim. Das ist ein Klebstoff, der oft in der Papierverarbeitung, beim Buchbinden und der Restaurierung von Büchern eingesetzt wird. Die ältesten Zeugnisse seines Gebrauches kommen aus dem alten Ägypten. Er ist also viel älter als der Begriff der Schicht. Und natürlich hat er in der Arbeitsweise der Schichtarbeiter mit Schichten zu tun. Er hält feinstes handgeschöpftes Papier auf der Bildfläche. Papier, das aus Indien, China und Nepal seinen Weg in die Josefstadt zu finden hat. Dazu kommen noch Pigmente aus einer überraschend reduzierten Palette aus Erdtönen. Sparsam erweitern die beiden das Farbspektrum mit raffiniert eingesetzten Blau- oder Gelbtönen, gelegentlich mit UV-resistenter Tusche.

Die Resultate aus der unkonventionellen Arbeitsweise zeigen Flächen mit reicher Textur, das Material bereichert die Motive dank seiner durchscheinenden Beschaffenheit mit einer Tiefe, wie man sie sonst nur bei altmeisterlichen Lasuren gewohnt ist. Doch mit ihrem vielschichtigen Bildaufbau fordern die beiden die Betrachter. Es gibt kaum Anhaltspunkte, die in dem Farbgewölk, die in dem scheinbaren Chaos aus Bildelementen so etwas wie erkennbare Gestalten nachvollziehbar werden ließen. Die Flächen bleiben geheimnisvoll wie Orakel. Allenfalls die gelegentlich vollzogene Trennung in zwei Bildhälften erlaubt uns so etwas wie eine Orientierung in diesen undeutbaren Bildräumen. Wieder sind wir auf uns selbst zurückgeworfen und aufgefordert wahrzunehmen, wie wir in der Begegnung mit dem Undeutbaren unsere eigenen Wirklichkeiten konstruieren. Wir tun das Tag für Tag. Selten werden wir uns dieser Tatsache bewusst. Dankenswerterweise gibt es diesen Ort, der dem Staunen eine Adresse gewährt, diesmal mit Kunst aus den Händen von Monika Kircher und von den Schichtarbeitern und mit den Geheimnissen, die sie vor unseren Augen ausbreiten.

Halten wir es wie Matthias Claudius, dem Zeitgenossen Goethes, der sich mit dem Verborgenen ausgekannt hat: „Wie es nun überhaupt mit Geheimnissen ist: wer sie nicht weiß, der erklärt sie, und wer sie erklärt, der weiß nicht. Erzwingen und mit Gewalt nehmen lassen sie sich nicht; wer sie aber zu verdienen sucht und sich den Besitzer zum Freunde zu machen weiß, der erfährt sie bisweilen.“

Machen sie sich die Künstler zum Freunde. Ich wünsche Ihnen dazu gutes Gelingen und einen inspirierenden Abend.
 
Johann Berger

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