Gespräch zur Ausstellung beim 41. Internationalen Wittgenstein Symposium

»Ich weiß, daß dieses Zimmer auf dem zweiten Stock ist, daß hinter der Tür ein kurzer Gang zur Treppe führt, etc.« Es ließen sich Fälle denken, wo ich die Äußerung machen würde, aber es wären recht seltene Fälle. Anderseits aber zeige ich dieses Wissen tagtäglich durch meine Handlungen und auch in meinen Reden.

Was entnimmt nun der Andre aus diesen meinen Handlungen und Reden? Nicht nur, daß ich meiner Sache sicher bin? – Daraus, daß ich hier seit vielen Wochen gewohnt habe und täglich treppauf und -ab gegangen bin, wird er entnehmen, daß ich weiß, wo mein Zimmer gelegen ist. – Die Versicherung »Ich weiß . . .« werde ich gebrauchen, wenn er das noch nicht weiß, woraus er mein Wissen unbedingt schließen müßte.

Ludwig Wittgenstein, Über Gewißheit. Herausgegeben von G. E. M. Anscombe und G. H. von Wright. 431. Notiz, S. 111 in der Ausgabe des Suhrkamp Verlages, 1977.

Aus: Johann Berger, Wortkörper. Ausstellung zum 41. Internationalen Wittgenstein Symposium 2018. 1. bis 10. August 2018

Zur Publikation

Das macht die künstlerische Einzigartigkeit aus.

Johann Berger im Gespräch mit Friedrich Stadler und Christoph Limbeck-Lilienau

 

Friedrich Stadler: Professor für History and Philosophy of Science, Institut Wiener Kreis (Vorstand) der Universität Wien. 2016 Jan Patocka Preis der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 2017 George Sarton Medaille der Universität Gent. 2009–2013 Präsident der European Philosophy of Science Association (EPSA). Seit 2015 Präsident der Ludwig Wittgenstein Gesellschaft (ALWS). Zahlreiche Publikationen zur Geschichte und Philosophie der modernen Wissenschaften, zur Exil- und Emigrations-forschung und zur Wiener Universitätsgeschichte.

Christoph Limbeck-Lilienau: Studium der Philosophie und der Politikwissenschaft an der Universität Sorbonne in Paris. 2005 Magister der Philosophie an der Universität Wien. Doktoratsstudium an der Universität Wien, mit einem Gastsemester an der Duke University (North Carolina). 2013 Abschluß des Doktorats mit einer Arbeit über die Intentionalität der Wahrnehmung (Seeing, Blindness and Illusion. A Defense of the Content View in Perception). Seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Wien unter anderem in Forschungsprojekten über Moritz Schlick und Rudolf Carnap. Generalsekretär der Ludwig Wittgenstein Gesellschaft.

Berger: Ich habe eine Arbeit mitgebracht, die Teil der Ausstellung in Kirchberg am Wechsel sein wird. Sie zeigt zwei Worte in der Handschrift Wittgensteins, die in der Abbildung eines Manuskriptes aufscheinen. Wittgenstein hat sie wenige Tage vor seinem Tod notiert. Die beiden Worte lauten „Ich weiß“ und stehen am Beginn eines Satzes . . .

STADLER: „Ich weiß, dass dieses Zimmer auf dem zweiten Stock ist. Dass hinter der Tür ein kurzer Gang zur Treppe führt,“ et cetera. Eigentlich ist das ein Transfer oder die Mitteilung über die Alltagserfahrung und nicht ein Wissen im Sinne von Kognition oder von Reflexion. Das ist im Grunde genommen eine Sprachhandlung. Er geht auf und ab. Durch das auf und ab gehen weiß er, wo sein Zimmer ist und was hinter seinem Zimmer ist. Also die Frage zeigt wieder, dass Wittgenstein bis zum Schluss nicht bereit war, Grundlagen sicheren Wissens zu präsentieren. Oder im Gegenteil: Die Hinterfragung des sogenannten plausiblen oder des angeblichen sicheren Wissens war ja sein lebenslanges Bestreben. Und er hat das auch immer wieder variiert. Es ist ja kein Zufall, dass das nicht ein systematisches Werk ist oder dass auch die Philosophischen Untersuchungen eine Sammlung von Aphorismen sind, ähnlich wie von Lichtenberg. Er hat die Variation und das Durchspielen von Problemen praktiziert. Und man muss sich fragen: Warum hat Wittgenstein selbst nach dem Traktat zu Lebzeiten kein zweites Buch veröffentlicht? Und viele Wittgensteinianer, die jetzt den Nachlass aufarbeiten und bearbeiten, haben sich das noch nicht genau überlegt, warum das so ist.

Berger: Was ist Ihre Hypothese?

STADLER: Ich glaube, dass er selbst der Meinung war, er habe noch nicht eine reife oder fertige Arbeit vor sich. Er wollte schon –  das ist ersichtlich aus der Korrespondenz – die Philosophischen Untersuchungen zugänglich machen und irgendwann veröffentlichen. Aber er hat nicht so gearbeitet wie beim Traktat, innerhalb einer definierten Zeit und mit der Überzeugung, dass er schlussendlich ein Werk fertiggestellt hat. Und das zeigt sich ja auch: die Philosophischen Untersuchungen sind sehr heterogen und fragmentarisch.

LIMBECK-LILIENAU: Er hätte das Buch wahrscheinlich nie fertiggemacht. Er hat es immer wieder neu geordnet und umgeschrieben und neu geordnet. Wenn die Nachlassverwalter nicht eingegriffen hätten, wäre das wahrscheinlich nie erschienen. Es gibt ja Bemerkungen von Schlick aus Mitte der 20er Jahre, wo er sagt: Wittgenstein hat ein geniales Buch geschrieben, den Tractatus und er wird wahrscheinlich nie mehr eines schreiben.

STADLER: Dass man im Grunde kein fertiges, systematisches Werk mehr präsentieren kann, das hat er beim Tractatus ja selbst erlebt. Und dass eine Revision notwendig geworden ist, führte ihn zu dieser Skepsis. Das hat ihn geprägt. Und die Geschichte, die tragische Geschichte mit Friedrich Waismann, der seitdem versucht hat, erstens eine allgemein verständliche Darstellung des Tractatus zu liefern oder auch die spätere Philosophie darzustellen und zu popularisieren, zeigt ja, dass das eigentlich ein durchgehendes Merkmal im Denken Wittgensteins war: Philosophieren in seinem Sinn, nicht zu einem endgültigen, sicheren Ergebnis zu kommen. Kaum hatte Waismann ein Manuskript fertig, hat es Wittgenstein als nicht mehr aktuell verworfen.

LIMBECK-LILIENAU: Und hat angefangen zu revidieren und Vorschläge für Umarbeitungen gemacht und so weiter. Es gibt ja die Aussage von Wittgenstein, dass Philosophie so etwas ist, wie wenn man durch eine Landschaft geht und man sieht einzelne Bäume oder Berge immer wieder von einer anderen Perspektive. Und man beschreibt es immer wieder von einem anderen Blickpunkt. Und das hat natürlich nie ein Ende.

Berger: Den Beifall der Konstruktivisten hat er mit dieser Aussage.

STADLER: Er hätte sich auch dagegen gewehrt (allgemeines Lachen). Jede Richtung, philosophische Schule, oder Position, war ihm suspekt. Und ich denke, durchaus zurecht! Weil das meist eine Verengung oder Dogmatisierung war. Und er wollte sich einfach nicht einordnen lassen, in eine philosophische Tradition. Er greift zwar Ideen anderer immer wieder auf, aber er legt sich hier nicht fest im Sinne einer Schule. Die Skepsis demgegenüber ist manifest. Das hat er sehr massiv kritisiert. Und vielleicht gibt es ja einen Zugang zu seinem Spätwerk dadurch, dass man sagt: Er war nicht nur ein Schreibdenker, sondern auch ein Redephilosoph. Diese intensiven Gespräche mit Waismann und Schlick, das war für ihn eigentlich ein Forum seines Philosophierens. Er hat sich nicht hingesetzt und ein Inhaltsverzeichnis gehabt und gesagt, jetzt muss er Kapitel 1, 2 bis X machen. Sondern er hat immer wieder – und wir kennen das ja jetzt aus dem Nachlass – Variationen, Ergänzungen, Änderungen, dann Collagen von hier nach dort, wieder zurück produziert. Und immer stellt sich die Frage: Gibt es in diesen zahlreichen Texten, einen roten Faden, eine Struktur? Einige Wittgensteinianer behaupten, er war eher ein Philosoph der Oralität. Das ist  von Walter J. Ong beschrieben, als »Philosophy of Orality« worden. Das heißt, das Philosophieren findet nicht auf dem Papier statt und auf akademischen Kongressen (lacht) und durch Vorträge, was er auch gehasst hat. Er hat das akademische Leben eigentlich verabscheut.

Berger: Also er wäre nicht nach Kirchberg gekommen?

STADLER: Er selbst, würde das als Erster massiv kritisieren. Und vor allem die Gefolgschaft war ihm auch immer suspekt. Bis auf wenige Ausnahmen. Man kann eigentlich sagen, dass er, und das ist das Überraschende, mit Schlick bis zum Schluss im Einvernehmen war. Da gab es keine Ressentiments. Während gegenüber Russell, Waismann, uns Ramsey das immer wieder sichtbar wurde..

LIMBECK-LILIENAU: Mit allen Konflikte!

STADLER: Da gab es irgendwann einen Punkt, wo es zum Crash kam, zu einer absoluten Ablehnung. Zuerst enge Freundschaft und Identifikation und dann strikte Verweigerung des Gespräches.

Berger: Ein Name, der in diesem Zusammenhang nie auftaucht, ist Whitehead.

STADLER: Whitehead war in der Phase von Wittgensteins Tractatus  kein Thema. Ich bin mir nicht sicher, ob er im Nachlass thematisiert ist, Prozessphilosophie et cetera. Für Wittgenstein waren in der frühen Phase natürlich die Principia Mathematica der Referenzpunkt. Und er hat, dadurch, dass Russel sein Mentor wurde, im Wesentlichen mit Russell kommuniziert. Und Russell war ja auch dann verantwortlich für die Übersetzung, gemeinsam mit Ogden und Ramsey. Und er hat das Vorwort zum Traktat geschrieben. Wittgenstein sagt dann – wenn man das im Nachhinein liest, ist das ja fast schockierend – Russell hat den Traktat nicht verstanden.

LIMBECK-LILIENAU: Er hat ihn vorher um ein Vorwort gebeten, damit die Publikation leichter akzeptiert wird. Und sobald es da war, hat er das Vorwort kritisiert.

STADLER: Russell hat das nicht sehr tragisch genommen. Für Russell war Wittgenstein ein origineller, schrulliger Philosoph, der die Cambridge-Karriere verdient hat. Das wurde von ihm begrüßt. Aber der spätere Russell hat sich damit nicht mehr herumgeschlagen. Der hat ohnehin selber viele Leute polarisiert und auch aufgebracht und provoziert durch seine politische Einstellung, durch seine (seufzt) präzisen Stellungnahmen. Und das war für Wittgenstein im Wesentlichen eine unphilosophische Lebensform. Andere haben das sozusagen auch erlitten. Rudolf Carnap hat sich seit dem ersten Treffen mit Wittgenstein gefragt, warum sich Wittgenstein so gegen ihn und gegen seine Art des Philosophierens wendet und warum er sich weigerte, ihn noch einmal zu treffen. Das zieht sich ja weiter mit einem Plagiatsvorwurf, mit massiven Anschuldigungen. Gar nicht an ihn direkt, sondern immer über Schlick. Der musste sozusagen als Mediator auftreten. Und war dadurch wirklich im Konflikt, weil er den Carnap genauso schätzte wie den Wittgenstein. Die Geschichte mit Waismann ist vielleicht die tragischeste. Er war überzeugt und besessen davon, dass er diese Wittgenstein’sche Philosophie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. Und letztendlich lag auch so etwas wie ein Vorwurf des Plagiierens in der Luft. Und Wittgenstein weigerte sich, ihn, den er jahrelang hier getroffen hat und auch benutzt hat in einem gewissen Sinn für seine Gespräche, in Cambridge wieder zu treffen. Ja, das mag man aus psychologischer Sicht bewerten, aber es ist ein weiteres Indiz für diese starke Sympathie-und-Antipathie-Polarität bei Wittgenstein. Die meisten Wittgensteinianer nehmen das in Kauf. Das spiegelt sich im Buchtitel The Duty of Genius (Ray Monk). Aber es gibt viele Genies oder so genannte Genies, die sich auch anders verhalten haben. Oder wo man sagen kann, da ging es anders über die Bühne, das war nicht nur ein Einzelkampf gegen die Umgebung. Sondern da gab es Kooperationen, mehr oder weniger gute, und der Wiener Kreis selbst ist ja ein Beispiel dafür, dass trotz zahlreicher Unterschiede und Differenzen und persönlicher Antipathien, zum Beispiel zwischen Schlick und Neurath,  sie sich jahrelang um der Sache willen zusammengesetzt haben. Es ging ihnen um etwas Gemeinsames. Und sie haben diese persönlichen (lacht leicht) Geschichten eigentlich hintangestellt.

Berger: Sie haben den Genie-Begriff eingebracht. Der geht zurück auf die griechische Wurzel γίγνομαι, was so viel heißt wie werden, entstehen. In Zusammenhang mit dem Wittgenstein’schen Oeuvre ist dieses Werden und dieses Entstehen schon auch spannend. Denn wenn ich das richtig verstanden habe, ist er als Student zu Russell gekommen, ohne eine elaborierte philosophische Ausbildung mitzubringen. Er ist dann geprägt worden durch die Arbeit von Russell und Whitehead. Das ist, wenn ich mich jetzt recht erinnere, doch ein Jahrzehnt nach Hilberts Liste der

23 ungelösten mathematischen Probleme gewesen.

STADLER: Für Wittgenstein lagen die früheren Bezüge eher bei Frege und Russell. Er selbst nennt zwar zehn Personen, die ihn maßgeblich beeinflusst haben. Aber das muss man problematisieren. Frege und Russell blieben darunter, aber er hat andere nicht mehr erwähnt oder vielleicht vergessen. Er war ja kein Fachwissenschaftlicher, er betrachtete sich nicht als Logiker oder als Mathematiker. Und er hatte auch gegenüber Gödels Resultaten wenig Begeisterung erkennen lassen. Viele sagen, er hat sie am Anfang gar nicht verstanden. Aber was er wollte, ist eben eine Philosophie mit Hilfe der modernen Logik und der Mathematik. Hilbert war wirklich davon überzeugt, dass es so etwas gibt wie einen Durchmarsch der Formalisierung und der Mathematisierung der Welt. Bis ihn Gödel sozusagen gestoppt hat. Und das war Wittgenstein fremd, er wollte nicht die letzten Rätsel der Welt und des Lebens geklärt haben. Im Gegenteil, diese Abgrenzung: Was kann man überhaupt wissen und sagen? Worüber kann man sprechen? Und das andere, das Mystische, das Leben, die Kunst, die Ethik, die Moral, das war für ihn die Spielwiese eigentlich.

LIMBECK-LILIENAU: In den Gesprächen mit Waismann und Schlick kommt Hilbert öfter vor. Wittgenstein hat eine starke Ablehnung gegen den Formalismus von Hilbert gehabt und gegen die Auffassung, dass man eine Metamathematik haben kann und eine Metasprache, die quasi die Regeln der Logik und Mathematik festlegt. Dagegen hat er sich virulent gestellt. Was auch mit seiner Auffassung im Tractatus zusammenhängt, nach der die Logik zwar das Mittel ist, um die Welt abzubilden – die logische Form der Sätze bildet die logische Form der Tatsachen ab. Aber: wir können nicht über die Logik selber sprechen oder die Regeln der Logik darstellen. Es gibt keine Metasprache.

STADLER: Das „Redeverbot“ über die Logik und Mathematik, das, was Carnap mit der Logik und Metamathematik dann betrieben hat, war für Wittgenstein die Grenze. Das Reden über die Logik und über die Philosophie und über die Mathematik, das ist eben nicht möglich. (Obwohl er es eigentlich in einem gewissen Sinne immer wieder praktiziert hat). Und das hat er auch in seiner späten Phase im Wesentlichen beibehalten. Er hat das zwar für die Klärung von Gedanken und Ideen benutzt. Am Anfang benutze er die Wahrheitstafeln sehr stark und auch die Sprachanalyse (Sinn und Bedeutung, Referenz et cetera). Das ja, aber es ging ihm nicht primär um die Etablierung einer Philosophie, die mithilfe der Logik die logische Analyse als Selbstzweck betrachtet. Diese Lesart von Wittgenstein als Mitbegründer der analytischen Philosophie ist eben nur ein Teilaspekt. Er hat natürlich durch seine Art des Philosophierens, die analytische Philosophie mitgeprägt und auch bereichert. Aber er selbst hätte sich dagegen gewehrt, sozusagen als analytischer Philosoph bezeichnet zu werden. Damals gab es diese Punzierung noch nicht. Das tritt erst als Zuschreibung nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Aber die Frage, wie er sich positioniert zwischen formaler Logik, moderner Mathematik und Wissenschaftsphilosophie war eben auf der Tagesordnung. Und für Schlick, Waismann und Co. war er einer, der die Philosophie insofern rettete als er ihr eine klare Funktion zuschrieb. Nämlich die Klärung des Sinnes von Aussagen und nicht die Produktion von Wahrheiten oder von Tatsachenfeststellungen. Insofern ist die Philosophie entgegen anderer Positionen im Wiener Kreis gerettet worden. Wir haben hier die Wissenschaften, dort die Philosophie. Und die Philosophie wird es immer geben, unabhängig wie sich die Wissenschaften entwickeln. Während Neurath und Carnap schon der Meinung waren, es würde sich herausstellen, dass diese Funktion entbehrlich wird, weil das die Wissenschaften selbst durch die Wissenschaftstheorie oder Wissenschaftslogik leisten kann. Wozu eine eigene Disziplin? Und das führt später zu einer Auseinanderentwicklung zwischen der Philosophie der normalen Sprache und der Philosophy of Science.

LIMBECK-LILIENAU: Es gibt ja eine breite Diskussion, ob der Wittgenstein des Tractatus und der spätere Wittgenstein eine Einheit bilden, oder ob es da zwei Wittgensteins gibt. Die traditionelle Auffassung ist sicher, dass er zuerst rigoros auf Logik aufgebaut hat und dann später die Alltagssprache untersuchte. Und ich meine, man sieht es ja in manchen amerikanischen Departments, da wird einfach der spätere Wittgenstein an Literatur-Departments gelehrt und nicht mehr auf Departments für analytische Philosophie.

STADLER: Was richtig ist, es gibt ja einen roten Faden. Die Sprache bleibt im Zentrum seines Philosophierens. Aber man kann sagen, seine Aufmerksamkeit geht von der Idealsprache zur Normalsprache, zur Alltagssprache. Die Abbildtheorie wird verworfen und die Handlung, der Gebrauch der Sprache, das Sprachspiel gewinnt an Bedeutung. Also wenn man will, ist das eine starke Relativierung der frühen Philosophie. Und die Formalisierung oder die Abstraktion spielt kaum mehr diese Rolle. Man kann also nicht sagen, dass die moderne Logik dann in der Spätphilosophie einen grossen Stellenwert hätte.

Berger: Mit meinen Arbeiten, die ich, dank Ihnen, in Kirchberg positionieren darf, habe ich den Eindruck, bin ich jetzt vielleicht zwei Jahre zu spät. 2016 ist es um ästhetische Zugänge oder um die Problematisierung der Ästhetik gegangen. 2017 wäre mit dem Thema der Wahrnehmung ebenfalls ein plausibler Zugang möglich gewesen, weil ja die Wortkörper die Begriffe begreifbar machen. Und weil das, was ich als taktile Literalität bezeichne, über die Berührung des Wortkörpers möglich würde, im Fokus dieses Themas wäre. Im Nachdenken über unser heutiges Gespräch, bin ich immer wieder zurückgekommen auf die Saussure’sche Differenz von Signifikat und Signifikant. Hat diese Differenz in irgendeiner Form bei Wittgenstein Eingang gefunden? Aber davor ist die Frage, die mich im Zusammenhang mit meinen Arbeiten beschäftigt: Inwieweit läßt die Vorgangsweise, die ich wähle, die Signifikanten zum Signifikat werden? Denn sie bekommen Körperhaftigkeit. Und die Zeichenhaftigkeit bleibt zwar auf der einen Seite erhalten, zum anderen aber werden die Zeichen zum Gegenstand von etwas, das als Qualia neu problematisiert worden ist.

STADLER: Ja, die Frage der Wahrnehmung von Objekten.

LIMBECK-LILIENAU: Das sind ja quasi Sätze oder Worte, die zu Dingen werden, oder?

Berger: Nehmen wir ein Beispiel. Auf dieser Abbildung haben wir es mit den Begriffen „Bios“ und „Zoë“ zu tun. Sie erkennen sie auf diesem Bild nicht. Mich interessieren Bios und Zoë als Thema aus der Naturphilosophie, das spätestens mit Agamben neu aufgegriffen worden ist und auch eine gewisse Aktualität bekommen hat. Sowohl Bios als auch Zoë sind Begriffe, die sie nicht mit Händen greifen können. Ich habe aber diese Zeichenfolge so umgesetzt, dass mit den Übergangsformen räumliche Körper entstehen, die es Ihnen ermöglichen, diese Begriffe, die bislang Gegenstand einer Reflexion gewesen sind, in einem taktilen Erlebnis nachzuvollziehen, im wahrsten Sinne des Wortes nachzuspüren. Also ich bleibe auf der einen Seite den Signifikanten verbunden, weil ich mit Typographie arbeite. Und das darf ich Ihnen jetzt als kritische Überlegung oder kritisch wahrzunehmende Überlegung anempfehlen: Der Punkt ist vielleicht, dass ich diese Signifikantenfolge durch ihre plastische Ausarbeitung und mit diesem Kunstgriff, sie ineinander überzuführen und dadurch Körperhaftigkeit zu geben, aus den Grenzen der Signifikantenwelt heraushole und auf eine andere Ebene der Perzeption bringe. Einer Wahrnehmungs-Ebene, die jetzt zwar immer noch mit Signifikanten zu tun hat, aber etwas zeigt, dass als Gegenstand sinnlicher Wahrnehmung eine ganz andere Qualität hat, als es Signifikanten üblicherweise zugeschrieben wird.

LIMBECK-LILIENAU: Die Signifikanten sind arbiträr, die schauen ja nicht aus, wie das Ding, das sie bezeichnen.

Berger: Aber plötzlich sind sie Ding.

LIMBECK-LILIENAU: Sie transferieren das so, dass die Zeichen eine gewisse Ähnlichkeit haben zu den Dingen, die sie bezeichnen, oder?

Berger: Nein. Die Formensprache, die aus dieser Arbeitsweise hervorgeht, entspringt eigentlich einem sehr reduzierten und disziplinierten Prozedere. Letztendlich geben die Formen der Buchstaben, gibt die Typographie die räumliche Formulierung vor. Wenn ich am Anfang ein Tau habe, dann ein Epsilon, dann ein Lambda, ein Omikron und ein Sigma, dann geben mir diese Schriftzeichen Formen vor. Der Kunstgriff, den ich anwende, ist, zwischen diese, in den Raum gedrehten Zeichen Übergangsformen, ein Übergangsvolumen einzufügen, um durch diesen Kunstgriff diese Körperhaftigkeit zu erzeugen. Die wird dann begreifbar. Also dieses spielerische, sprachspielerische Element, um jetzt Wittgenstein zu bemühen, um den Begriff begreifbar zu machen, das ist sozusagen der Anreiz, mich damit zu befassen.

LIMBECK-LILIENAU: Wittgenstein und der Wiener Kreis haben ja gesagt, dass die Zeichen selber ja auch Dinge sind. Man hat einerseits Dinge auf einer Seite, (lacht)

Berger: (lacht) Ja.

LIMBECK-LILIENAU: die Worte können ja aus, ich weiß nicht, aus Metall sein oder aus Beton oder was auch immer. Die Schriftzeichen oder die Laute sind ja auch Dinge. Und auf der anderen Seite hat man andere Dinge. Und dann ist die Frage, wie diese einen Dinge, die Worte oder Laute, in Bezug stehen zu diesen anderen Dingen, die sie bezeichnen.

Berger: Was ich besonders lustig finde, ist, dass es in der Prädikatenlogik einen Allquantor gibt. Und dieser Allquantor hat eine schöne Form.

LIMBECK-LILIENAU: Das verkehrte A.

Berger: Und dieses verkehrte A ist typographiegeschichtlich der Ausgangspunkt dieses Buchstabens, das ist ein Stierkopf.

LIMBECK-LILIENAU: Stimmt, ja, stimmt.

Berger: Dass dieser Stierkopf in der Prädikatenlogik eine Auferstehung als Allquantor erfährt, das hat einen poetischen Charme . . .

LIMBECK-LILIENAU: Zurück zu den Ursprüngen?

Berger: . . . der, wie Sie bemerken, mir sehr gut gefällt.

STADLER: Es gibt aber auch andere Notationen, daraus sieht man, dass das auch Konventionen sind.  Es gibt keine eindeutige Zuordnung, das ist wichtig. Und für Wittgenstein und Wiener-Kreis-Mitglieder war die Sprache auch ein Instrument im Wesentlichen zum Erkenntnis-Zugang. Was Sie machen, ist natürlich im Bereich der Kunst eine Materialisierung und gleichzeitig auch eine dreidimensionale Darstellung, die eine Relation herstellt. Die Frage ist nur, ob es eine, von Ihrer Intention her, ob es eine zwei- oder dreigliedrige Relation ist. Saussure ist ja schon bei Brentano überwunden, er unterscheidet ja die das Objekt, die Zielgerichtetheit auf dieses und den Inhalt dieser Intentionalität. Das ist nicht identisch. Und die Gegenstände müssen auch nicht real existieren. Es reicht diese Zielgerichtetheit auf etwas, einen Gegenstand Und das ist schon eine wesentliche Erweiterung in der Philosophie gewesen. Dies wurde in der modernen Zeichentheorie weiter entwickelt, z.B. bei Charles Morris, der ja Ende der 1930er Jahre die Grundlagen der Semiotik schafft und auch die Ästhetik mit einbezieht. Morris hat das theoretische Gerüst geliefert und viele haben das akzeptiert, u.a. für die Enzyklopädie der Einheitswissenschaft. Das heißt, diese Semiotik (mit Syntax, Semantik, Pragmatik), erlaubte es, über alle Disziplinen, inklusive Philosophie, das Gemeinsame und das Trennende herauszustellen. Aber die Hoffnungen, dass das zu einer allgemeinen Meta-Theorie wird – jenseits der Einzelwissenschaften – hat sich nicht erfüllt. Es gibt natürlich eine starke semiotische Bewegung. Und es gab ja auch Kooperationen in dieser Hinsicht, aber im Grunde genommen arbeiten Sie, Herr Berger, in diesem semiotischen Dreieck, das auch schon Bühler mit seinem Dreisprachenmodell beschrieben hat – in einer künstlerischen Sprache, die materialisiert ist und zugleich ausgeht von einer Zeichensprache. Also aus meiner Sicht ist  diese Relation aber nicht vorgegeben und eindeutig, sondern ist ein Angebot zur Interpretation von Zeichen und Bezeichneten und dem Inhalt dazu, denn es könnte ja auch sein, dass jemand hergeht und sagt: Ja, Ihre Grundidee ist fantastisch, aber ich produziere in 3D andere Objekte. Das ist genauso möglich. Und das macht die künstlerische, kreative Ausprägung aus und ihre Einzigartigkeit. Und ich denke, dass die Grundlagen der Kunst und der künstlerischen Gestaltung inspiriert werden durch die Philosophie, durch Ideen, durch Personen und Gedanken. Dass sie aber nicht in einer klaren und eindeutigen Korrelation stehen. Es ist immer ein Interpretationsspielraum.

Berger: Ich sage herzlichen Dank, dass ich heuer diesen Dialog, diese Begegnung, diese vielleicht inspirierende Erfahrung in Kirchberg am Wechsel ermöglichen darf. Für mich ist es auf jeden Fall ganz sicher eine inspirierende Erfahrung.

STADLER: Danke ebenfalls, auch für den Besuch.

Berger: Und ich freue mich auf die Ausstellung im Tagungsraum. Und danke Ihnen für das sehr inspirierende und für mich bereichernde Gespräch.

Johann Berger

E: johannberger@chello.at
T: 0043-676-416-06-20