Galerie Gut Gasteil

Ausstellungseröffnung
 

Maria Moser, Fritz Bergler, Sylvia Kummer

24. Juni 2017

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

was ich Ihnen heute zumute, ist Dreierlei: ich werde Ihnen sagen, wie Sie im kommenden Winter Ihre Heizkosten reduzieren; ich werde Sie mit der Bedeutung des Buchstabens „L“ in einer biographischen Marginalie langweilen und Sie drittens zu einer Reise in die Zukunft einladen.

Zuerst allerdings ist den Gastgebern zu danken. Es ist Zeit für eine Geste angesichts einer mehr als vierzig Jahre beinah unbedankt geleisteten Anstrengung. Einer Anstrengung, welcher nur die Brancheninsider aus den Kunst- und Landwirtschaften ansehen, welche Leistungen notwendig sind, dass ein so schwerelos anmutendes Zusammenspiel von Kunst und Landschaft zustande kommen kann, wie hier auf Gut Gasteil.

Sehr geehrte Damen und Herren, in dem Gesamtkunstwerk Gut Gasteil, in dem wir zu Gast sein dürfen, sind wir es gewohnt, zu hören und zu sehen. Dabei vergessen wir allzu leicht auf die olfaktorische Dimension dieses Ortes. Auf den Duft des Lebens.

Der Geruch: Hitze setzt Gerüche frei, wenn ihr Material ausgesetzt ist. Sie werden vielleicht erstaunt sein, aber ich rede bereits über die Malerei Maria Mosers. Und ich meine damit nicht den feinen Geruch des Malmaterials – auch wenn Marcel Duchamp einmal den Verdacht geäußert haben soll, dass viele Maler ihr Handwerk deshalb ausübten, weil es so gut riecht. Vielmehr lade ich Sie dazu ein, den in den Farben zum Leben erwachten Bildgegenständen mit Ihrem Geruchssinn nachzuspüren. Sie werden bemerken, es duftet in Maria Mosers Arbeiten nicht nach Küche (obwohl das nahe läge, bewirtschaftet sie doch zuhause ein Wirtshaus – aber das habe ich Ihnen schon einmal erzählt), es riecht in ihren Arbeiten nach Metall, nach glühendem Eisen wie im Stahlwerk oder in der Schmiede. In der Industrie sind das geruchsintensive Arbeitsplätze – gewesen. Heute haben wir es auch dort zunehmend mit computergesteuerten Abläufen zu tun. Maschinen richten die Materie hinter grauen Verschlägen mit Sichtfenstern zu. Vielleicht gehören wir zu den letzten Generationen, deren Welt ein unermessliches Spektrum olfaktorischer Erlebnisse anzubieten hat. Maria Moser weiß, wie glühendes Metall riecht. Diesen Duft malt sie. Wenn es stimmt, dass – wie Doderer es einmal gesagt hat – die Kindheit wie ein Kübel Wasser über uns gestülpt wird und sie ein Leben lang an uns herunter rinnt, wenn das stimmt, dann rinnt die Metallwerkstatt von Mosers Vater an ihr herunter und gerinnt, wo sie auf die Leinwand trifft, in Malerei. In dieser Malerei glüht es, erkaltet krustig und zeigt, welcher Anstrengung es bedarf, um Hartes mit Hitze weich und formbar zu machen. Sie läßt das menschheitsgeschichtliche und daher mythenträchtige Wunder auferstehen, in dem Erz in Fluß gerät und kunstgerecht in belastungsfähiges Gut verwandelt wird. Ich kenne keine Malerei, in der es heißer zugeht. Wer eine Arbeit von Moser in der Wohnung hängen hat, spart Heizkosten. Spätestens in einem halben Jahr wird es wieder kalt genug dafür sein.

Als ich zuletzt die Ehre hatte, an dieser Stelle zu den Arbeiten Mosers zu sprechen, war mir das Thema der Monumentalität ein Anliegen. Die große Geste in ihrer Malerei, die auch in kleinen Formaten spürbar ist und der doch kein hohles Pathos anhaftet, keine Peinlichkeit. Das gelingt ihr, weil die elementare Gewalt der Bildgegenstände aus bescheidener Menschlichkeit hervorgeht. Dieser Gedanke mag auch heute anklingen, angesichts zweier weiterer Persönlichkeiten, in deren Arbeiten ebenfalls Großes zu ahnen ist.

Wer 1955 zwischen Kindberg und Kapfenberg auf die Welt kommt, gehört jedenfalls zu einer Generation, die wohl weiß, wie das Leben riecht, auf Bauernhöfen und in Stahlwerken. Fritz Bergler gehört zu dieser Generation. Er ist 1973 mit seiner Mappe am Portier der Akademie am Schillerplatz vorbei nach links im Erdgeschoß an den Meisterklassen von Eckert und Weiler vorbei gegangen und hat dort wohl auch einen Geruch wahrgenommen, nämlich jenen bereits angesprochenen nach Malmittel und Firnis. Dann ist er hinauf ins Mezzanin gestiegen. Dort haben wir beide das alphabetisch geordnete Aufnahmeritual absolviert. Deshalb weiß ich das. Und seit damals weiß ich auch, dass er mir jenes „L“ voraus ist, das unsere Familiennamen unterscheidet. Zehn Jahre später ist er mit einem „Bildwerk“ in die Öffentlichkeit des Kunstgeschehens getreten. In Innsbruck, in einer Einzelausstellung. Noch etwas, das er mir voraus war. (In dieser Zeit bin ich noch mit der Verbesserung der Welt beschäftigt gewesen.) Später ist rostiges Eisen in seinen Arbeiten wichtig geworden. Mit dem Dichter Bodo Hell hat er ein Schutzhaus im Schneealpengebiet zur „Blitzhütte“ umgebaut, indem er das Haus mit einer Haut aus Eisenblechen umgeben hat. Diese Haut hat Texte getragen. Denn Bildkunst ist immer mehr, als das Trägermedium vermuten läßt. Und die Grenzen zu anderen Disziplinen sind durchlässig. Besonders wenn es um Literatur, Philosophie und Wissenschaft geht. Und um Blitze. Gibt es eine pointiertere Form, um zu zeigen, wie die Kunst mit der Welt, mehr noch: mit dem Kosmos, in ein energiegeladenes Spannungsverhältnis zu bringen ist? Vergessen wir nicht: kosmein hat anordnen geheißen (und schmücken, putzen, weshalb es neben den Kosmonauten Kosmetikerinnen gibt). Anordnen! Wenn wir staunend vor den wandflächenfüllenden Arbeiten von Fritz Bergler stehen, kommt uns eine zeitgemäße Methode entgegen, uns in der Welt zu beheimaten, so durcheinander – und in zunehmendem Alter auch fremd –uns diese Welt nun erscheinen mag. Er zeigt uns drei Tugenden, die dabei hilfreich sind: Konsequenz, Genauigkeit und Gelassenheit. Daraus mag jene Ruhe erwachsen, aus der heraus sogar in turbulenten Geschehnissen so etwas wie ein Regelwerk deutlich wird. Ordnung eben. Deshalb ist Fritz Bergler schon als Enzyklopädist bezeichnet worden. Das „Durchlaufen der Wissenskreise“ jedoch – denn darauf würde sich der Begriff beziehen – erscheint mir sekundär gegenüber einer Übersetzungsleistung, die Fritz Bergler als Herausforderung begleitet. Er überträgt eine zentrale Frage der Philosophie beispielsweise des „Wiener Kreises“, „Was läßt sich sagen?“ auf die bildende Kunst. Und so ahne ich hinter den geordneten Bildwänden die große Frage „Was läßt sich zeigen?“. Diese Frage kommt einer Einladung gleich, Fritz Bergler zu begleiten, auf eine der spannendsten Expeditionen unserer Zeit. Dorthin, wo die unterschiedlichen Disziplinen der Wissenschaft überraschend neue Verständnisdimensionen der Welt hervorbringen. Sei es mithilfe bildgebender Verfahren in den Neurowissenschaften, sei es in den Life sciences, in denen hinter scheinbar chaotischer Komplexität latente Muster erkennbar werden.

Apropos Life sciences: einige der so bezeichneten Wissenschaftsdisziplinen verstehen sich auf die kunstgerechte Beschreibung von Lebenszusammenhängen, auch bei bescheidener Faktenlage. Anthropologen können das beispielsweise. Wenn wir davon ausgehen wollen, dass auch in ferner Zukunft eine solche Wissenschaft – vielleicht nicht unter dieser Bezeichnung, aber unter der Nutzung ähnlicher Kompetenz – Erklärungen anbieten soll, dann darf ich Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen. Stellen Sie sich vor, dass in einigen tausend Jahren solche Interpreten von Fundstücken aus der fernen Vergangenheit auf zwei menschliche Wirbelknochen stoßen, die aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz durch gnädige Umstände begünstigt, die Zeitläufte überdauern durften. Ich meine aber nicht irgendwelche Wirbelknochen, also meine oder die von Sylvia Kummer. Ich korrigiere mich, es sind schon jene von Sylvia Kummer, aber nicht die glücklicherweise an ihrem Platz befindlichen ersten beiden ihrer Halswirbelsäule, sondern jene beiden, die aus ihrer Hand hervorgegangenen sind. Aufmerksame Besucherinnen und Besucher des bemerkenswerten Kunstparcours dieses Hauses durften sie bereits kennenlernen. Manche werden dabei ein Déjà-vu erlebt haben, weil sie die Objekte schon in Wien beim Museumsquartier oder auf der Freyung oder weiteren öffentlichen Plätzen gesehen hatten. Wie auch immer, die fernen Nachgeborenen werden dieses erbaulichen Erlebnisses ermangeln. Sie sollen aber in unserem Gedankenexperiment auf die überraschend großen Knochen stoßen. Was für eine Sensation werden sie vermuten! Eine neue Spezies aus der menschlichen Evolution (wenn sich der Kreationismus nicht durchgesetzt hat) sei entdeckt! Gigantische, mehr als hundert Meter große Vorfahren hätten die Welt einst bevölkert! Lebten sie in einem Matriarchat, ermöglichten ihre Genderkonstrukte ein glückliches Zusammenleben der Geschlechter? Diese und viele weitere große Fragen werden dann zu klären sein. Da haben wir es heute leichter. Nicht, weil die drängenden großen Fragen bereits beantwortet wären. Wir sind privilegiert, weil wir Teil dieses faszinierenden Projektes von Sylvia Kummer sein dürfen. Denn die an Denkmäler gemahnenden Darstellungen von Atlas und Axis, also jener beiden ersten Wirbel des Rückgrates, diese Darstellungen sind Ausgangspunkt und Fokus von Erfahrungen und Gedanken, zu denen die Künstlerin einlädt. Ich zitiere abschließend aus einem Text auf ihrer vorbildlichen Webpage: „Die beiden Skulpturen laden zur optischen und haptischen Auseinandersetzung ein: Sie können von allen Seiten aus unmittelbarer Nähe betrachtet und auch berührt werden. Es wird die verwundbarste Stelle unseres Seins im öffentlichen Raum offengelegt. Wie gehen wir damit um?“

Wie, sehr geehrte Damen und Herren, gehen Sie damit um? Ich wünsche Ihnen inspirierende Erlebnisse mit den ausgestellten Arbeiten und den Begegnungen mit Maria Moser, Sylvia Kummer und Fritz Bergler und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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Johann Berger

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