Curhaus, Wien

Eröffnungsrede

Bildende Kunst, Literatur und Musik im Curhaus

Johann Berger, 2013

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Uns erwartet ein bemerkenswerter Abend. Die Veranstalter haben mich gebeten, Ihnen vorweg einige Worte zuzumuten.  Aber was soll ich Ihnen sagen? Sie kennen ja die Künstlerinnen und Künstler ohnehin. Und den Hausherren erst recht. Aber ihm, dem Dompfarrer und Kanonikus Mag. Anton Faber, gilt es, danke zu sagen. Danke, Mag. Faber, dass wir heute bei Ihnen zu Besuch sein dürfen, hier in diesen schönen Räumen des Curhauses. Ich nehme an, es ist der cura animae gewidmet, der Seelsorge und hat daher seinen Namen.

(In die Welt gekommen ist die Sorge um die Seele spätestens mit der Sokratischen Aufforderung, sich nicht um Geld, Ruhm und Ehre, sondern um Einsicht, Wahrheit und die Seele zu sorgen, wie es Platon in der Apologie ausführt.)

Soll ich Ihnen über den Dompfarrer etwas erzählen? Die Veranstalter haben mir ja das Geschäft übertragen, Ihnen alle heute agierenden Personen vorzustellen. Und da gälte es, dem Hausherren die Ehre zu geben und ihn mit seinen Verdiensten zu würdigen. Er würde sich wohl dagegen verwehren. Also zähle ich keine Großen Ehrenzeichen und Amtstitel auf, sondern bemerke das Adelsprädikat das ihm im Diminutiv seines Vornamens verliehen wird: Toni. Wer so genannt wird, ist den Menschen nahe. Das wiegt wohl mehr als manche Statussymbole. Dass der Name aus der Antike kommt, ein römisches Geschlecht bezeichnete und mythische Anklänge trägt, steht dazu in charmantem Widerspruch. Immerhin berief sich die gens antonia, eine bedeutende römische Familie auf Anteon als Stammvater, auf einen Sohn des Herakles. Übrigens gehen die Etymologen davon aus, dass Antonios aus „anti“ „gegen“ und „onios“, „käuflich, feil“ zusammengesetzt ist. Der Dompfarrer trägt seinen Namen zurecht.

Elisabeth Ofenböck ist ebenfalls zu danken. Ihr Charme und ihre Kunst führt uns heute zusammen. Wir kennen und lieben sie als Schauspielerin und Sängerin mit berührender Komödiantik. Sie läßt uns in ihrer Kunst erahnen, wie sich hinter der heiteren Maske mitunter Abgründe auftun können. Unweit von hier ist der Legende nach der Augustin in die Pestgrube gefallen. Er gibt der barocken Lebensfreude bis heute jenen spezifisch wienerischen, abgründigen Witz. Elisabeth Ofenböck erlaubt uns, ihr lächelnd über solche Abgründe und „dunkle Grüfte“ hinweg zu folgen, wir bemerken es vielleicht erst danach. Das zu können, braucht eine Fülle an Begabungen. Die Stimme, die Schauspielkunst, die Fähigkeit uns zu bezaubern. Sie heißt ja auch Elisabeth, wie Elischeva, die Mutter des taufenden Johannes und sie trägt mit diesem Namen einen Verweis auf eine göttliche Vollkommenheit und Fülle („Gott ist Fülle“). Der vieldeutige hebräische Name erlaubt aber auch eine Interpretation als „Gott des Schwures“ oder „Eides“. Was theologisch Begeisterungsfähige an religiöse Bündnisse gemahnen könnte.

Mit Elisabeth Ofenböck hören wir an der Orgel den Organisten des Stephansdomes Heimo Reitner und mit ihrer Violine die in Wien studierende und aus Taiwan kommende Chun-Yun Cheng.

Das Programm verwebt zeitgenössische Musik mit barocken Klängen. Aus den neun Deutschen Arien des Georg Friedrich Händel hören wir die Nummern fünf, sechs und sieben (Singe Seele, Gott zum Preise; Meine Seele hört im Sehen; Die ihr aus dunklen Grüften). Zwischen den Arien aus der Zeit von 1724 bis 1727 wird Elisabeth Ofenböck zwei Kompositionen von Meinhard Rüdenauer vortragen, an deren Entstehung sie nicht ganz unbeteiligt war. Sie hat den Komponisten auf die Gedichte von Mitra Shamoradi aufmerksam gemacht. Viele kennen Mitra als bildende Künstlerin, manche als feinfühlige Lyrikerin, die aus dem Spannungsfeld zwischen ihrer iranischen Herkunft und der mitteleuropäischen Beheimatung poetische Kraft und Schönheit erwachsen läßt –  in ihren Bildern und in ihrer Lyrik. Dass ihre Eltern ihr den Namen Mitra mitgegeben haben, gibt mir jetzt Gelegenheit, Sie auf die Bedeutung dieses schönen Namens hinzuweisen. Er bedeutet im Persischen „Vertrag“. Im Altindischen bedeutet Mitra „Vertrag“ oder „Freund“. Beide gehen wohl auf die proto-indo-iranische Wortwurzel *mi-tra- („Vertrag“, „Eid“) zurück.

Es hat schon seine eigene Logik, dass die Gedichte von Mitra Shamoradi über Elisabeth Ofenböck ihren Weg in die Komponierwerkstatt Meinard Rüdenauers gefunden haben. Seiner musikalischen Sprache sind lyrisch-expressive Komponenten nicht fremd – so weiß und schätzt es nicht nur das Wiener KammerOrchester, mit dem er einige Kompositionen zur Uraufführung gebracht hat. Von den avantgardistischen Strömungen des 20. Jahrhunderts herkommend, schätzt er die Werte einer melodiösen und direkt fassbaren Musik. Wir sind heute Zeugen der Uraufführung dieser beiden Vertonungen aus dem lyrischen Werk von Mitra Shamoradi.

Mit diesem Konzert wird eine Ausstellung mit Arbeiten von Bernd Fasching eröffnet. Aus drei Werkgruppen zeigt er Beispiele. Da sind zuerst die Päpste zu nennen. Ein Bildnis des Papstes Johannes Paul II. hat ja seinen Platz im Dom gefunden. Aus der intensiven Beschäftigung mit der Person Wojtylas ist die hier gezeigte Gruppe erwachsen, in der Fasching immer mehr von der Person abstrahiert und das Amt als bildnerische Herausforderung wahrnimmt. Auch die Mozart-Bildnisse erfreuen sich einer prominenten Nachbarschaft, zeigt er doch unweit von hier im Mozarthaus einen Bilderzyklus mit Reflexionen zu Mozart und Goethe. Und die großformatigen Arbeiten aus dem Projekt „Zwölf Tage, zwölf Nächte“ sind in der Weihburggasse, sozusagen in Rufweite entstanden, wo Bernd Fasching diesen titelgebenden Zeitraum in der Galerie Subal zugebracht hat.  Gleichsam in einer öffentlichen Eremitage sind diese Assemblagen dort entstanden, die Gespräche und materiellen Gastgeschenke der Besucherinnen und Besucher haben den Schaffensprozess wesentlich mitgeprägt. Jede der zwölf Tafeln bezieht sich auf eine der Heroentaten jenes mythischen Helden, „der sich an Hera Ruhm erwarb“, wie uns die Bedeutung des Namens von Herakles erzählt. Fasching spricht im Zusammenhang mit seinen vielfältigen Projekten von „Versuchsanordnungen im Feld der Kunst“. Der Terminus aus dem Forschungsdesign verweist auf ein Erkenntnisinteresse, dem der gelernte Historiker Fasching in seinem experimentellen Vorgehen nachkommt. Nutzen Sie, sehr geehrte Damen und Herren den Abend und sprechen Sie den Künstler auf die Resultate seiner spezifischen Feldforschungen an. Das hält er aus. Immerhin weist ihn sein Name als „bärenstark“ aus, was die Kurzform des Namens Bernhard als Bedeutung trägt. Damit ist er mit Meinhard in einer Art Namensverwandtschaft. Maga oder megin heißt Kraft und harti bedeutet stark.

Uns erwartet ein bemerkenswerter Abend. Worauf ich versucht habe, Sie vorweg aufmerksam zu machen, sind jene schönen Zufälle, die uns in glücklichen Momenten zuteil werden. Ihnen Bedeutung zu geben, belohnt gelegentlich mit schönen Beobachtungen. So gerät der Vornamen des Hausherren in ein Verwandtschaftsverhältnis zum mythischen Heros Herakles; so sind über die Zeitläufte und über die verschiedensten kulturellen und geografischen Herkünfte hinweg Bündnisse, Eide und Stärken aufgetaucht, von denen wir wohl selten wahrnehmen, dass unsere Namen darauf verweisen. Wer mir in diesem Gedanken folgen möchte, begegnet einem latenten Bedeutungsgewebe. Welcher Wirkmächtigkeit verdanken wir das Muster des heutigen Abends?

Lassen wir Mitra Shamoradi darauf antworten.

Himmel ist rot
Erde ist bewölkt
Es duftet nach
Gott

Ich wünsche Ihnen inspirierende Begegnungen!
Johann Berger

E: johannberger@chello.at
T: 0043-676-416-06-20