Textbeitrag zu einem Katalog von Herbert Pasiecznyk

Anmerkungen zu seinen Zeichnungen und Texten aus Lanzarote

Der blutende Blick des Herbert Pasiecznyk

Johann Berger, 2009

 

Herbert Pasiecznyk begegnet uns als „zoon skopikon“, als Lebewesen unter dem Regime des Blickes: der skopische Sinn nimmt die gesamte Existenz ein. Unter diesem Regime konstituieren auch der Geschmackssinn und das Haptische, das Olfaktorische, zuweilen wohl auch das Gehör den Gesichtsakt1. Wenn die Füße, aufgeschunden vom Gestein der schwarzen Lava bluten, blutet sein Blick.
Das Medium seiner Weltnahme ist eine ununterbrochene Abfolge von Blickakten. Der Rhythmus dieses Daseins hebt sich über den Pulsschlag, er hört auf die Gesetze von Fixationen und Sakkaden.
Wenn Herbert Pasiecznyk dieses Dasein in Worten aufzeichnet, verdichtet er das Erlebte und unterwirft die Worte den Augenbewegungen. Wer seiner Poesie lesend begegnet, durchtanzt die Wortbilder in Sakkadensprüngen und kann etwas erahnen von diesem Dasein als zoon skopikon in der geschundenen Haut des Herbert Pasiecznyk.
Dem entsprechend erschwert er uns den Lesetanz. Er läßt die Buchstaben im Habitus von Monumentalinschriften daherkommen, im VERSALSATZ, als ob er in die Zeit lange vor der karolingischen Minuskel zurückverweisen wollte, in die römische Antike. Das irritiert den Lesevorgang, enthebt ihn der Selbstverständlichkeit, strengt ihn an und zwingt ihn dorthin, wo Herbert Pasiecznyk lebt, in die Welt des angestrengten Blicks. Denn er ist zoon skopikon und homo faber in einem. Ein getriebener wohl, aber nicht so sehr dem dionysischen verhaftet – nicht den Mänaden anverwandt, gleichwohl von ihnen verschont, denn Pentheus ist er auch keiner, dieser hat anders geschaut: anmaßend, beherrschend – bevor ihn die Rasenden zerrissen haben. Herbert Pasiecznyk ist im Gegensatz dazu ein Beherrschter. Er arbeitet wie unter dem alttestamentarischen Fluch nach dem Sündenfall und eröffnet sich und uns schwitzend und blutend die Welt. Wenn er sie untertan macht, dann nicht in einem überheblichen Akt der Besitzaneignung, sondern ertastend und begreifend, hinhorchend, riechend, schmeckend, erfahrend und aufzeichnend. Das unterscheidet seine Arbeit von den usurpatorischen Ambitionen der kontemporären Medienindustrien und ihrer Vorgänger im Dienst kollonialer Machtentfaltung.
Rund sechseinhalb Jahrhunderte nachdem der namensgebende genueser Kaufmann und Seefahrer Lanzarote da Framqua auf der Suche nach dem Ende der Welt die „Glücklichen Inseln“ (Al Djezir al-Khalida unter der arabischen Herrschaft, davor Insulae Fortunatae unter den Römern, beides in der selben Wortbedeutung) wieder entdeckt und die Geschichte der Inseln damit den Wechselfällen im Wettstreit der kolonialen Mächte der Neuzeit zugeführt hat, durchwandert Herbert Pasiecznyk die Insel. Und rund ein Vierteljahrhundert, bevor Google-Earth den Blick auf die Welt aus der Himmelsperspektive gleichsam demokratisiert jedem Internetnutzer angedient haben wird, durchlebt Herbert Pasiecznyk seine Expeditionen auf Lanzarote.
Die beiden historischen Momente sind durch verwandte Blickstrategien verbunden. Sie wirken in ihrer Dominanz kulturell prägend. Und sie gehorchen dem Utilitarismus logistischer Notwendigkeiten, wie sie in kaufmännischen und militärischen Unternehmungen auftauchen. Die Techniken mögen sich unterscheiden, die Strategien der skopischen Weltnahme im Blick des frühneuzeitlichen Kaufmannes bzw. seines Kartographen erscheinen in dieser Betrachtung jedoch wie die Vorläufer des strategischen Blickes aus den Satelliten und den Bordkameras moderner Fernlenkwaffen.
In dieser Genealogie kommt Herbert Pasiecznyks Anstrengung die Anmutung einer devianten Übung zu. Zwar bedient er sich des disziplinierten Sehens in der mimetischen Bildtradition des Abendlandes. Doch seiner Ambition ist der Dienst an welchem Utilitarismus auch immer fremd. Die sogar nach mehr als zwei Jahrzehnten vollständig erhaltene Mappe mit den gesammelten Arbeiten mag als Beleg dafür gelten, dass es nicht der beabsichtigte Verkauf der Zeichnungen war, der ihn auf Lanzarote umgetrieben hat. Vielmehr erscheint er als emphatisch Getriebener. Die Handlungsdimensionen seines Gesichtaktes, der ihn als zoon skopikon der mimetisch anmutenden Zeichnung vorspannt, beheimatet seine graphische Übung auf den Parcours einer hochmittelalterlich-höfischen Kunst: der Minne. Doch wie schon Dieter Schrage bemerkt hat, gilt seine Zuwendung nicht den abzubildenden Menschen, sondern allenfalls den Zeugnissen ihres Daseins. Sie gilt jenen Zeichen, die an der Schnittstelle zwischen Natur und Kultur, als geschichtete Steinmauern und Katen die Anstrengungen des Lebens und Überlebens auf den „Glücklichen Inseln“ lesbar werden lassen. Und sie gilt der Landschaft, der er, künstlerisch-biographisch vom Thema der Vedute her kommend, hier begegnet – im Habitus des „Minnezeichners“, der dem pittoresken Charme der Vulkaninsel willfährig erliegt und in romantischem Gestus versucht, ihrer Majestät als Liebender gleichsam auf Augenhöhe zu begegnen. Und sei es mit blutigen Füßen.

1 Die hier gebrauchten Begriffe des Gesichtaktes und dann des Blickaktes verweisen zwar auf Diskurse aus der Linguistik und der Sprachphilosophie. Allerdings ist mit diesem Verweis eine hier nicht einzulösende Herausforderung verbunden, wenn als Äquivalent zu Austins Beschreibungen der sprachlichen Handlungsdimensionen („How to Do Things with Words“, 1962) die skopischen Handlungsdimensionen des Herbert Pasiecznyk auszuloten wären. Dies können wir hier nur skizzenhaft versuchen, in bescheidenen Annäherungen andeutend.
Johann Berger

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