Galerie Gut Gasteil

Ausstellungseröffnung

Zu den Arbeiten von von Eva Vones und Herwig Zens

Johann Berger, 2007

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Seidls, verehrte Künstler!

Reden wir übers Wetter. Im Unterschied zu Fußball, Börse oder Kunst gibt es zum Thema Wetter einen naturwüchsigen Konsens: es ist zu. Zu heiß, zu kalt, zu trocken, zu naß usw.

Was uns von früheren Generationen und Kulturen unterscheidet, ist: wir können diese ungehörige Abweichung vom Normwetter in Zahlen fassen. Windgeschwindigkeiten, Ozonwerte, Niederschlagsmengen – ein Kosmos von Zahlen steht uns zur Verfügung. Und zwar jederzeit und überall in der zivilisierten Welt, vorausgesetzt, sie haben ein Mobiltelefon mit Internetfunktionen. Dann jedoch bemerken sie, hier ist diese Welt zu Ende. Hier haben sie keinen Empfang. Hier beginnt die Wildnis. Das Wetter hat keine Zahl, sondern es ist, wie es ist. Wie aber reden wir übers Wetter, wenn wir keine Zahlen zur Verfügung haben? Welcher Sprache können wir uns bedienen, hier mitten in einer bis auf den Quadratzentimeter durchparifizierten Kulturlandschaft, in der die vorletzte Wildnis als Wetter daherkommt und die letzte – wer weiß – in den Seelenabgründen von Ausstellungsbesuchern auszuloten sein könnte. Dort, in der letzten Wildnis, mag aufblitzen, was die funktionelle Kernspintomographie wie fernes Wetterleuchten an den Horizonten cortikaler Regionen aufzuzeichnen vermag. Dort, im brausenden Treiben der Lebenssäfte, die heute auf so exotische Namen hören wie: Testosteron, Aldosteron, Estradiol, Progesteron usw., dort sind die Orte, von denen uns Eva Vones berichtet. Sie führt uns die poetische Kraft der Seelenzustände vor Augen, wenn Sterne, Wolken und Sommer (alles Bildtitel) auf Gemütswetterlagen anspielen oder wenn das Rotwild dem Brausen der Lebenssäfte röhrenden Ausdruck verleiht.

Das muß man sich einmal trauen! Eines der genrebildenden Sujets der Kitschproduktion aus seinem belächelten Umfeld heraus zu präparieren und neu formuliert dem Kunstkontext wieder zu überantworten, das ist im sensiblen Distinktionsgeflecht des Kunstbetriebes eine heikle Übung. Eva Vones meistert sie beispielhaft, sogar, wenn sie die Hirschbrunft in der Gegenwartskunst aufleben läßt.

In einem berührenden Text beschreibt Pavel Kohout die Künstlerin als „dem Frauentyp auf den gotischen Bildern“ ähnlich. Erschienen sind seine Zeilen in einer Broschüre von Eva Vones unter dem Titel „Retro. Zurück zum Ursprung“. Haben wir es hier mit dem Echo eines historischen „Zurück“, nämlich jenem zur Natur zu tun? Der poetische Verweis auf die Gotik unterstützt uns in der assoziativen Annäherung an die Romantik, der ja das Mittelalter eine fruchtbare Projektionsfläche gewesen ist. Und der romantische Blick auf die Natur ist letztendlich ein Blick in die Seelenabgründe, wenn wir die Frage nach der menschlichen Natur aufwerfen. Es ist die paraphrasierte Gretchenfrage:

Wie hältst du’s mit der Irrationalität?

Worauf lassen wir uns da ein, wenn wir dem Wunder die Hand hinhalten, oder wenn man an anderem Ort die Nachtseite der Vernunft fest bespielt?

Es ist, als ob bereits die Frage den Nietzsche’schen Gedanken von der Wiederkehr der Geschichte bestätigen wollte. Denn der Glaube an eine binär codierte Rationalität in den Neuen Technologien oder Optionen auf den „Menschenpark“, wie ihn Sloterdijk mit Regeln versehen möchte, läßt die Vernunft zynisch erscheinen oder als Mittel der Zweckrationalität. Und das weckt Sehnsüchte, wie sie bereits den Romantikern Stoff für ihre Posesie boten.

Wir haben es hier wohl mit einem genuin abendländischen Thema zu tun, das vielleicht zwischen den Begriffen des Logos und des Mythos zu umreißen wäre. Euripides hat es in seinen „Bakchen“ in Szene gesetzt. Der Regent Thebens meint, das dionysische Treiben verbieten zu müssen und wird letztendlich zum Opfer der Raserei. Pentheus war er genannt, vielleicht kann man den Namen mit „Trauernder“ übersetzen. Diese traurige Gestalt der Tragödie, er wird ja von der weiblichen Verwandtschaft zerrissen, hatte eine interessante Großtante, sie war auf dem Rücken eines Stieres über das Meer gekommen und hieß Europa – was man als Wortverbindung von „euris“ und „ops“, also „weit“ und „Sicht“ verstehen kann. Oder man folgt anderen Etymologen, die auf das  phönizische „erob“ verweisen, was soviel wie „dunkel“ heißt, oder „Abend“. Demnach wäre Europa eine dunkle Dame gewesen, deren Familie sich in wilden Traditionen übte, in welchen wie bei Vones dem Rotwild und wie bei Zens dem Stier tragende Rollen zugeschrieben wurden.

Wie hält es Zens mit der Irrationalität?

Er paraphrasiert das Descart’sche „cogito, ergo sum“ (ich denke also bin ich) und macht daraus sein „ego in hispania sum“ (ich bin in Spanien). Sie bemerken er setzt den Sehnsuchtsort an den Platz des Denkens.

Vergessen wir aber angesichts dieser Beobachtung nicht, Herwig Zens gehört zu einer Generation von Kunststudenten, die zu ihrem pädagogischen Studium an der Akademie noch etwas „Ordentliches“ zu studieren hatten, Geschichte beispielsweise und so haben wir es bei Zens mit einem gelernten Historiker zu tun. Das mag für den Ausbruch seiner Hispanophilie ein Anstoß gewesen sein. Denn nachdem er sich schon in jungen Jahren am Werk des Francesco de Goya eine unheilbare Infektion geholt hatte, an der er nach wie vor laboriert, mag für den Historiker Zens das kulturelle, politische und soziale Umfeld des Hofmalers unumgänglich gewesen sein. So hat er sich im nach-habsburgischen Spanien verfangen, als einer, der sich der spanischen Sprache nie bemächtigt hat. So hat er auf den Klang der Kultur zu horchen, auf die Resonanzen der auch arabisch und jüdisch, zwischen A wie Andalusnien und Z wie Zaragoza je spezifisch regional gestimmten Echos aus der Geschichte. So hat er in den Schatzkammern des Prado und in den Gassen der Altstädte, in den Palästen und den Gaststätten, in den Managementetagen und den atavistisch anmutenden Arenen der Aficionados sein Sensorium für das entfaltet, was er uns in seiner Malerei und Grafik nahebringt.

Nun, sehr geehrte Damen und Herren, haben wir genug über das Wetter geredet. Halten wir dem Wunder eines hoffentlich schönen Abends die Hand hin und genießen wir unser Dasein.

Ich wünsche Ihnen einen inspirierenden Abend.
 
Johann Berger

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